Karl Polanyi, The Great Transformation

€18.00
inkl. 7% MwSt.
zzgl. Versandkosten

Karl Polanyi
The Great Transformation - Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen
Aus dem Englischen von Heinrich Jelinek

Leseprobe


4. Gesellschaftsformen und Wirtschaftssysteme
Ehe wir uns den Gesetzen zuwenden, die eine Marktwirtschaft, wie sie das 19. Jahrhundert zu errichten suchte, regieren, müssen wir uns zunächst die außergewöhnlichen Voraussetzungen eines solchen Systems klar vor Augen führen. Marktwirtschaft bedeutet ein selbstregulierendes System von Märkten; etwas genauer ausgedrückt handelt es sich um eine Wirtschaftsform, die einzig und allein von Marktpreisen gesteuert wird. Ein solches System, das Imstande ist, das gesamte Wirtschaftsleben ohne äußere Hilfe oder Einmischung zu regeln, darf mit Recht selbstregulierend genannt werden. Diese groben Hinweise sollten genügen, um den m der Menschengeschichte beispiellosen Charakter eines solchen Unterfangens aufzuzeigen. Um noch klarer zu machen, was wir meinen: Selbstverständlich könnte keine Gesellschaft längere Zeit ohne irgendeine Form von Volkswirtschaft existieren, aber vor unserer Zeit hat es noch niemals eine Wirtschaftsform gegeben, die, und sei es auch nur im Prinzip, vom Markt gelenkt worden wäre. Trotz der im 19. Jahrhundert hartnäckig verbreiteten akademischen Beschwörungsformeln haben Gewinn und Profit beim Güteraustausch In der menschlichen Wirtschaftstätigkeit vorher nie eine wichtige Rolle gespielt. Obwohl die Einrichtung des Marktes seit der späten Steinzeit ziemlich verbreitet war, spielte er im wirtschaftlichen Geschehen bloß eine Nebenrolle. Wir haben guten Grund, mit allem Nachdruck auf dieser Feststellung zu beharren. Kein geringerer Denker als Adam Smith behauptete, die Arbeitsteilung in der Gesellschaft beruhe auf der Existenz von Märkten, oder, wie er es formulierte, auf der Neigung des Menschen zum Tausch, zum Handel und zum Umtausch einer Sache gegen eine andere. Diese Wendung sollte später zum Begriff des Homo oeconomicus führen. Rückblickend kann man feststellen, daß kein Mißverstehen der Vergangenheit sich als so prophetisch für die Zukunft erwiesen hat.

Denn während bis zur Zeit Adam Smith' diese Tendenz im Leben keiner bekannten Gesellschaft in größerem Maße hervorgetreten war und bestenfalls eine untergeordnete Rolle im Wirtschaftsleben spielte, herrschte hundert Jahre später ein industrielles System über den Großteil der Erde, das praktisch und theoretisch implizierte, daß die Menschheit m allen ihren wirtschaftlichen, wenn nicht gar in ihren politischen, intellektuellen und geistigen Aktivitäten von dieser einen besonderen Tendenz bestimmt wurde. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte Herbert Spencer, der nur eine oberflächliche Kenntnis der Ökonomie besaß, das Prinzip der Arbeitsteilung mit Tausch und Tauschhandel gleichsetzen, und fünfzig Jahre später konnten Ludwig von Mises und Walter Lippmann denselben Trugschluß wiederholen. Aber um diese Zeit brauchte man keine Argumente mehr. Eine Unzahl von Autoren, die sich mit Nationalökonomie, Gesellschaftsgeschichte, StaatsWissenschaft und allgemeiner Gesellschaftswissenschaft befaßten, waren den Spuren von Smith gefolgt und übernahmen sein Paradigma vom Tauschhandel treibenden Wilden als ein Axiom für ihre jeweiligen Wissenschaften. Im übrigen waren Adam Smith' Behauptungen bezüglich der wirtschaftlichen Psychologie des Frühmenschen ebenso falsch wie Rousseaus Auffassungen über die politische Psychologie der Naturmenschen. Die Arbeitsteilung, ein Phänomen so alt wie die Gesellschaft selbst, entsteht aus der natürlichen Verschiedenheit der Geschlechter, der geographischen Lage und der individuellen Fähigkeiten, und die angebliche Neigung des Menschen zum Tausch, zum Handel und Umtausch 1st sehr zweifelhaft. Während Geschichte und Völkerkunde verschiedene Wirtschaftsformen kennen, von denen die meisten die Einrichtung von Märkten enthalten, kennen sie keine Wirtschaft vor der unseren, die auch nur annähernd von Märkten beherrscht und geregelt worden wäre. Dies wird In einem separaten Überblick über die Geschichte der Wirtschaftssysteme völlig klargestellt werden. Die Rolle der Märkte in der Binnenwirtschaft der einzelnen Länder war, wie wir sehen werden, bis In die neuere Zeit unbedeutend, und der Übergang zu einer vom Marktgeschehen beherrschten Wirtschaft wird dadurch noch deutlicher hervortreten. Zunächst müssen wir einige Vorurteile des 19. Jahrhunderts

ablegen, die hinter Adam Smith' Hypothese bezüglich der Neigung des Naturmenschen zu gewinnbringenden Betätigungen steckten. Da sein Axiom viel eher auf die nahe Zukunft als auf die ferne Vergangenheit anwendbar war, führte es bei seinen Nachfolgern zu einer seltsamen Einstellung zur Frühgeschichte des Menschen. Oberflächlich gesehen, schienen die Zeugnisse darauf hinzudeuten, daß der Naturmensch nicht nur keine kapitalistische Denkweise, sondern vielmehr eine kommunistische Denkweise hatte (später sollte auch dies als Irrtum entlarvt werden). Infolgedessen neigten die Wirtschaftshistoriker dazu, ihr Interesse auf jene verhältnismäßig neuere Geschichtsperiode zu beschränken, m der Tausch und Tauschhandel In größerem Maße zu finden waren, und die primitiven Wirtschaftsformen wurden in die Vorgeschichte verwiesen. Dies führte unbewußt zur verstärkten Begünstigung einer Vermarktungspsychologie, denn in dem verhältnismäßig kurzen Zeitraum der letzten Jahrhunderte konnte praktisch alles als Hinweis auf das Entstehen dessen gewertet werden, was schließlich auch entstand, nämlich des Marktsystems, und dies ohne Rücksicht auf andere Tendenzen, die zeitweise in den Hintergrund getreten waren. Die Korrektur einer solchen »kurzsichtigen« Perspektive hätte natürlich durch eine Verblendung der Wirtschaftsgeschichte mit der Sozialanthropologie durchgeführt werden können, ein Weg, den man jedoch stets vermied. Heute können wir nicht mehr in dieser Richtung weitergehen. Die Gewohnheit, die letzten zehntausend Jahre sowie die ganze Reihe der Frühgesellschaften als bloßes Vorspiel der eigentlichen Geschichte unserer Zivilisation zu betrachten, die annähernd mit der Veröffentlichung von Adam Smith' Werk Wealth of Nations Im Jahre 1776 begann, 1st zumindest als anzusehen. Diese Episode ist in unseren Tagen zu Ende gegangen, und In unserem Bemühen, die künftigen Möglichkeiten abzuschätzen, sollten wir unseren natürlichen Hang, Tendenzen unserer Väter zu folgen, unterdrücken. Dass das die Generation von Adam Smith veranlaßte, den Frühmenschen als begierig auf Tausch und Handel anzusehen, bewog ihre Nachfolger, jegliches Interesse am fallenzulassen, da man von Ihm wußte, daß er Leidenschaften keineswegs hingege

gen hatte. Die Tradition der klassischen Ökonomen, die versuchten, das Marktgesetz auf die angeblichen Neigungen des Menschen Im Naturzustand zurückzuführen, wurde durch ein völliges Desinteresse an den Kulturen des »unzivilisierten« Menschen verdrängt, da diese für das Verständnis der Probleme unseres Zeitalters unerheblich seien. Eine derart subjektivistische Einstellung zu früheren Zivilisationen sollte dem wissenschaftlichen Denken fremd sein. Die Unterschiede zwischen zivilisierten und »unzivilisierten« Völkern sind kraß übertrieben worden, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Nach Auffassung der Historiker waren die Formen des Gewerbes Im landwirtschaftlichen Europa bis vor kurzem 'nicht viel anders als in mehreren vorangegangenen Jahrtausenden. Seit der Einführung des Pfluges - Im Grunde eine von Tieren gezogene große Hacke - blieben die landwirtschaftlichen Methoden im größeren Teil West- und Mitteleuropas bis zum Beginn der Neuzeit Im wesentlichen unverändert. Der zivilisatorische Fortschritt war m diesen Gebieten vor allem politischer, intellektueller und geistiger Natur; in bezug auf die materiellen Verhältnisse hatte Westeuropa um 11oo n. Chr. etwa das Niveau der römischen Welt vor weiteren tausend Jahren erreicht. Auch später zeigten sich Veränderungen viel eher im Bereich der Staatskunst, der Literatur, der bildenden Kunst, vor allem aber Im Bereich der Religion und der Gelehrsamkeit, als im Bereich des Gewerbes. In seiner Wirtschaftsform stand das mittelalterliche Europa etwa auf der Höhe des alten Persiens, Indiens oder Chinas und konnte sich in bezug auf Reichtum und Kultur nicht mit dem vor zweitausend Jahren existierenden Neuen Reich in Ägypten messen. Max Weber war unter den modernen Wirtschaftshistorikern der erste, der dagegen protestierte, daß man die primitiven Wirtschaftsformen als für die Frage der Motive und Mechanismen der zivilisierten Gesellschaften unerheblich abtat. Die späteren Ergebnisse der Sozialanthropologie gaben Ihm völlig recht." Denn eine Erkenntnis die aus den neueren Untersuchungen der frühen Gesellschaften besonders deutlich hervorgeht, ist das Unveränderliche des Menschen als gesellschaftliches Wesen. Seine natürlichen Begabungen kommen mit erstaunlicher Regelmäßigkeit in den Gesellschaften aller Zeiten und Gegenden zum Vorschein, und die Voraussetzungen für das Überleben der

menschlichen Gesellschaft scheinen unverändert fortzubestehen. Die neuere historische und anthropologische Forschung brachte die große Erkenntnis, daß die wirtschaftliche Tätigkeit des Menschen in der Regel in seine Sozialbeziehungen eingebettet ist. Sein Tun gilt nicht der Sicherung seines Individuellen Interesses an materiellem Besitz, sondern der Sicherung seines gesellschaftlichen Rangs, seiner gesellschaftlichen Ansprüche und seiner gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Er schätzt materielle Güter nur insoweit, als sie diesem Zweck dienen. Es 1st weder der Prozeß der Produktion, noch jener der Distribution an bestimmte, mit dem Besitz von Gütern verbundene Interessen geknüpft; aber jeder einzelne Schritt in diesem Prozeß hängt mit einer Anzahl von gesellschaftlichen Interessen zusammen, die schließlich sicherstellen, daß der erforderliche Schritt erfolgt. Diese Interessen werden In einer kleinen Jäger und Fischergemeinschaft ganz anders sein als in einer riesigen, despotischen Gesellschaft, doch wird das Wirtschaftssystem in jedem Fall von nichtökonomischen Motiven getragen werden. Die Erklärung ist im Sinne des Überlebens durchaus einfach. Man nehme den Fall einer Stammesgemeinschaft. Die wirtschaftlichen Interessen des einzelnen haben selten Vorrang, denn die Gemeinschaft kümmert sich darum, daß keines ihrer Mitglieder verhungert, außer sie wird selbst von einer Katastrophe heimgesucht, aber in diesem Fall sind wiederum die Interessen der Gemeinschaft und nicht die des einzelnen bedroht. Die Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Bindungen hlngegen ist von entscheidender Bedeutung. Erstens, weil sich der einzelne durch Mißachtung des anerkannten Ehrenkodex oder bewiesener Großzügigkeit selbst aus der Gemeinschaft ausschließt und damit zum Ausgestoßenen wird, und zweitens, weil letztlich alle gesellschaftlichen Pflichten auf Gegenseltigkeit beruhen und ihre Erfüllung den Interessen des einzelnen, deren Ausdruck das Prinzip »Geben und Nehmen« ist, am besten dient. Eine solche Situation muß einen ständigen Druck auf den einzelnen dahingehend ausüben, daß sein wirtschaftliches Eigeninteresse soweit aus seinem Bewußtsein eliminiert wird, daß er in vielen Fällen (aber keineswegs In allen) nicht einmal fähig ist, die Bedeutung seiner eigener Handlungen im sinne eines solchen Interesses zu erfassen. Diese Einstellung

wird durch die Häufigkeit gemeinschaftlicher Tätigkeiten verstärkt, wie die Verteilung von Nahrungsmitteln aus der gemeinsamen Beute oder die Teilhabe an den Ergebnissen einer ausgedehnten und gefährlichen Expedition des Stammes. Im Sinne der gesellschaftlichen Anerkennung ist die Belohnung für Großzügigkeit so groß, daß sich keine andere Verhaltensweise als die äußerste Selbstlosigkeit bezahlt macht. Der persönliche Charakter hat damit wenig zu tun. Der Mensch kann m bezug auf ein Wertsystem genauso gut oder böse, sozial oder asozial, neidisch oder großzügig sein, wie In bezug auf ein anderes. Niemandem Grund für Neid zu geben, ist ja ein anerkanntes Prinzip der zeremoniellen Verteilung, so wie auch dem fleißigen, geschickten oder auf andere Weise erfolgreichen Gärtner öffentliches Lob gebührt (außer, er wäre allzu erfolgreich, in welchem Fall man ihn mit Recht In dem Wahn zugrunde gehen lassen darf, er sei das Opfer schwarzer Magie geworden). Die menschlichen Leidenschaften, ob gut oder böse, beziehen sich bloß auf nichtökonomische Ziele. Zeremonieller Prunk soll den Nachahmungstrieb aufs äußerste anspornen, und die Sitte der Gemeinschaftsarbeit ist geeignet, sowohl quantitative als auch qualitative Standards auf das höchste Niveau hochzuschrauben. Der Vollzug sämtlicher Tauschakte in Form von Geschenken, wobei Reziprozität erwartet wird, wenn auch nicht unbedingt von selten derselben Person, 1st ein Vorgang, der genauestens ausgeklügelt ist und durch umständliche Methoden der Publizität, durch magische Riten und durch die Schaffung von »Dualitäten«, In denen Gruppen durch gegenseitige Verpflichtungen verbunden sind, perfekt abgesichert ist; das sollte schon an sich verdeutlichen, daß man keine Vorstellung vom Begriff des Gewinns hatte oder von Reichtum, außer in Form von Gegenständen, die traditionsgemäß der Stärkung des Sozialprestiges dienten. In dieser Skizzierung der allgemeinen, für eine westmelanesisehe Gemeinschaft charakteristischen Züge, haben wir deren sexuelle und territoriale Ordnung, die wiederum von Sitte, Gesetz, Magie und Religion beeinflußt werden, nicht berücksichtigt, da wir nur aufzeigen wollten, wie sich sogenannte ökonomische Motivationen in Wirklichkeit aus gesellschaftlichen Zusammenhängen entwickeln. In diesem einen negativen Punkt sind sich die modernen Ethnographen einig: dem Fehlen

des Gewinnstrebens, dem Fehlen des Prinzips von Arbeit gegen Entlohnung, dem Fehlen des Prinzips des geringsten Aufwands und Insbesondere dem Fehlen jeglicher separaten und spezifischen, auf wirtschaftlichen Motivationen beruhenden Institution. Aber auf welche Weise wird dann eine geordnete Produktion und Distribution gewährleistet? Die Antwort ergibt sich vor allem aus zwei Prinzipien des Verhaltens, die ursprünglich nicht mit Wirtschaft zusammenhängen: Reziprozität und Redistribution. Bei den Eingeborenen der Trobriandinseln im westlichen Melanesien, die als Beispiel dieses Wirtschaftstypus herangezogen werden, wirkt die Reziprozität vor allem in bezug auf die sexuelle Ordnung der Gemeinschaft, also Familie und Verwandtschaft; die Redistribution betrifft vor allem jene, die einem gemeinsamen Häuptling unterstehen, und ist somit territorialer Natur. Wir wollen diese Prinzipien getrennt betrachten. Die Erhaltung der Familie - der Frauen und Kinder - ist die Pflicht ihrer Verwandten in weiblicher Linie. Der Mann, der seine Schwester und deren Familie versorgt, Indem er ihnen von seinen besten Früchten gibt, erwirbt sich damit hauptsächlich die gebührende Anerkennung für gutes Verhalten, erntet aber dafür kaum einen direkten materiellen Vorteil. Ist er jedoch nachlässig, dann leidet zuerst und vor allem sein Ruf. Das Prinzip der Reziprozität wirkt somit zugunsten seiner Frau und ihrer Kinder und belohnt ihn damit ökonomisch für sein sittliches Verhalten. Die zeremonielle Zurschaustellung von Nahrungsmitteln, sowohl im eigenen'Garten als auch vor der Vorratshütte der Empfänger, stellt sicher, daß die hohe Qualität seiner Gartenarbeit allgemein bekannt wird. Es ist somit offensichtlich, daß die Garten- und Haushaltsökonomie hier einen Teil der Sozialbeziehungen darstellt, die mit guter Haushaltsführung und vorbildlichem Sozialverhalten verbunden sind. Das Prinzip der Reziprozität dient somit Im weitesten Sinne der Sicherung sowohl der Produktion als auch der Familenerhaltung. Das Prinzip der Redistribution 1st nicht weniger wirksam. Ein großer Teil der Früchte der Insel wird vom Dorf Vorsteher dem Häuptling übergeben, der sie in der Vorratshütte aufbewahrt. Mittelpunkt aller gemeinsamen Aktivitäten sind Festschmaus, und andere Gelegenheiten, bei denen die Inselbewohner

einander sowie Nachbarn von anderen Inseln bewirten. Bei diesen Gelegenheiten werden die durch Tauschhandel mit fernen Gegenden erworbenen Güter verteilt, Gaben werden nach genauen Etiquettevorschriften überreicht und erwidert, und der Häuptling verteilt an alle die üblichen Geschenke. Damit wird die überwältigende Bedeutung der Vorratshaltung deutlich. ökonomisch gesehen ist dies ein wesentlicher Teil des bestehenden Systems der Arbeitsteilung, des Außenhandels, der Besteuerung für Zwecke der Allgemeinheit und der Verteidigungsvorkehrungen. Jedoch werden diese Funktionen eines echten volkswirtschaftlichen Systems völlig überlagert von den starken und einprägsamen Gemeinschaftserlebnissen, die für jede im Rahmen des Sozialgefüges vollbrachte Handlung eine Überfülle nichtökonomischer Motivationen bieten. Allerdings können solche Verhaltensgrundsätze nicht wlrksam werden, wenn sich die vorhandenen Strukturelemente nicht für ihre Anwendung eignen. Reziprozität und Redistribution können das Funktionieren eines ökonomischen Systems ohne schriftliche Aufzeichnungen und ausgeklügelte Verwaltung nur deshalb gewährleisten, weil die Organisation der betreffenden Gesellschaften den Erfordernissen einer solchen Lösung mit Hilfe solcher Verhaltensprinzipien wie Symmetrie und Zentrizität gerecht wird. Die Reziprozität wird durch die institutionelle Berücksichtigung der Symmetrie, einer häufigen Erscheinung der SozialStruktur schriftloser Völker, enorm erleichtert. Die auffallende »Dualität«, die wir in den Unterteilungen der Stammesstruktur vorfinden, eignet sich vorzüglich für eine paarweise Gestaltung individueller Beziehungen und ermöglicht somit, trotz Fehlens schriftlicher Aufzeichnungen, den Austausch von Gütern und Dienstleistungen. Die Zweiteilungen der primitiven Gesellschaft, die häufig zur Schaffung eines »Gegenstücks« zu jeder Untereinheit führen, waren sowohl Ergebnis als auch Stütze jener reziproken Handlungen, auf denen das System beruht. Man weiß wenig über das Entstehen der »Dualität«; auf den Trobriandinseln scheint jedes Dorf an der Küste sein Gegenstück in Form eines Binnenlanddorfes gehabt zu haben, damit der wichtige Austausch von Feldfrüchten und Fischen, der wohl als reziproke Verteilung von Geschenken getarnt und in Wirklichkeit zu verschiedenen Zeitpunkten vor sich ging, reibungslos

organisiert werden konnte. Auch beim Kula-Handel hat jedes Individuum seinen Partner auf einer anderen Insel, wodurch die Beziehung der Reziprozität in bemerkenswertem Maße personalisiert wird. Ohne die Häufigkeit der symmetrischen Strukturelemente in den Unterteilungen des Stammes, in der örtlichen Verteilung der Ansiedlungen sowie in den Beziehungen zwischen den Stämmen, wäre eine umfassende, auf dem langfristigen Funktionieren separater Tauschakte beruhende Reziprozität undurchführbar. Die institutionalisierte Einrichtung der Zentrizität, die bis zu einem gewissen Grad in allen menschlichen Gruppen vorhanden 1st, liefert wiederum die Basis für die Sammlung, Aufbewahrung und Verteilung von Gütern und Dienstleistungen. Die Mitglieder eines Jägerstammes übergeben in der Regel das erlegte Wild dem Häuptling zur Verteilung. Die Ausbeute der Jagd muß naturgemäß schwanken und 1st überdies das Ergebnis einer kollektiven Bemühung. Unter diesen Bedingungen ist keine andere Aufteilungsweise praktikabel, soll die Gruppe nicht nach jeder Jagd auseinanderfalten. Und so bestehen in allen derartigen Wirtschaftsformen ähnliche Erfordernisse, wie groß die betreffende Gruppe auch sein mag. Je größer das Territorium und je differenzierter die Erzeugnisse, desto mehr wird die Redistribution zu einer effektiven Arbeitsteilung führen, da sie mithilft, die geographisch getrennten Gruppen der Produzenten miteinander zu verbinden. Symmetrie und Zentrizität befriedigen halbwegs die Erfordernisse von Reziprozität und Redistribution, institutlonelle Formen und Verhaltensweisen passen sich einander an. Solange die gesellschaftliche Organisation im gewohnten Geleise verharrt, brauchen keine individuellen wirtschaftlichen Motive ins Spiel zu kommen, braucht man keine Vernachlässigung der persönlichen Bemühungen zu fürchten. Die Arbeitsteilung ist automatisch sichergestellt, die wirtschaftlichen Verpflichtungen werden erfüllt, und es werden vor allem die materiellen Mittel für eine reichliche Zurschaustellung des Überflusses bei allen öffentlichen Festlichkeiten beigestellt. In einer solchen Gemeinschaft ist der Profitgedanke ausgeschlossen, Schachern und Feilschen sind verpönt, großzügiges Geben wird als Tugend betrachtet, die angebliche Neigung zu Tausch, TauschHandel und Tauschgeschäften tritt nicht in Erscheinung. Das

ökonomische System stellt sich in der Praxis als Funktion der gesellschaftlichen Organisation dar. Daraus folgt keineswegs der Schluß, daß die sozialökonomischen Prinzipien dieses Typs auf primitive Transaktionen oder kleine Gemeinschaften beschränkt seien, und daß eine gewinnlose und marktlose Wirtschaft notwendigerweise eine einfache sein müsse. Der auf dem Grundsatz der Reziprozität beruhende »Kula-Kreis« in Westmelanesien ist eine der kompliziertesten Formen der Handelstransaktion des Menschen, und Redistribution wurde von der Zivilisation der Pyramidenzeit in gigantischem Ausmaß praktiziert. Die Trobriandinseln gehören zu einem etwa kreisförmigen Archipel, und ein erheblicher Teil der Bevölkerung dieses Archlpels verbringt wiederum einen großen Teil seiner Zeit mit Tätigkeiten, die mit dem Kula-Handel verbunden sind. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Handel, obwohl dabei kein Profit erzielt wird, weder in Form von Geld noch in Form von Gütern. Güter werden weder gehortet noch gehen sie m beständiges Eigentum ein; die Freude an den erhaltenen Gütern beruht darauf, daß sie weitergegeben werden, und dies geschieht ohne Feilschen und Schachern, ohne Tauschhandel oder Tauschgeschäfte, und das Ganze wird ausschließlich durch Etiquette und Magie geregelt. Dennoch ist es eine Form von Handel, und die Eingeborenen dieses etwa ringförmigen Archipels unternehmen regelmäßig weite Fahrten in Uhrzeigerrichtung, um anderen Menschen auf fernen Inseln wertvolle Gegenstände bestimmter Art zu bringen, während von anderen wiederum Fahrten in umgekehrter Richtung unternommen werden, um andere wertvolle Gegenstände zu überbringen. Im Laufe der Zeit wandern beide Arten von Gegenständen - auf traditionelle Weise gefertigte Armbänder aus weißen Muscheln und Halsketten aus roten Muscheln - rund um den Archipel, wobei der Umlauf bis zu zehn Jahren dauern kann. Weiter handelt es sich beim Kula in der Regel um einzelne Tauschpartner, die die jeweiligen Kula-Gaben mit gleich wertvollen Armbänderm und Halsketten erwidern, am liebsten mit solchen, die früher hervorragenden Persönlichkeiten gehört haben. Nun wird ein systematischer und organisierter Austausch von wertvollen Objekten, die über weite Entfernungen transportiert

komplizierte System ausschließlich nachdem Prinzip der Reziprozität abgewickelt. Ein verwickeltes, Zeit, Raum und Mensehen umfassendes System, das sich über Hunderte von Meilen und mehrere Jahrzehnte hinzieht, und Hunderte von Menschen durch Tausende spezifischer Elnzelobjekte verknüpft, wird hier ohne jegliche Aufzeichnung oder Verwaltung, aber auch ohne Gewinn- oder Schachermotlv aufrechterhalten. Nicht die Tendenz zum Tauschhandel 1st hier vorherrschend, sondern die Reziprozität sozialen Verhaltens. Dennoch stellt sich das Ergebnis als enorme organisatorische Leistung auf wirtschaftlichem Gebiet dar. Es wäre in der Tat interessant, nachzuprüfen, ob selbst die höchstentwickelte moderne, auf genauester Buchführung beruhende Marktorganisatlon mit einer solchen Aufgabe fertig würde, wollte sie sich einer solchen unterziehen. Es ist zu befürchten, daß die unglückseligen Händler angesichts der unzähligen Monopolisten, die ihrerseits Einzelgegenstände im Rahmen äußerst restringierter Einzeltransaktionen kaufen und verkaufen, keinen gleichmäßig garänderten Gewinn erzielen und lieber das Geschäft aufgeben würden. Auch die Redistribution hat eine lange und wechselvolle Geschichte, die fast bis zu unserer Zeit reicht. Vom Bergdama, der von der Jagd zurückkehrt, und von der Frau, die von ihrer Suche nach Wurzeln, Früchten oder Blättern heimkehrt, wird erwartet, daß sie den Großteil ihrer Ausbeute der Gemeinschaft zur Verfügung stellen. Dies bedeutet in der Praxis, daß sie die Früchte ihrer Tätigkeit mit anderen Personen teilen, mit denen sie zusammenleben. Bis zu diesem Punkt 1st das Prinzip der Reziprozität vorherrschend: das Geben von heute wird durch das Nehmen von morgen kompensiert. Manche Stämme haben jedoch einen Mittelsmann in der Person des Häuptlings oder eines anderen prominenten Mitglieds der Gruppe; dieser erhält und verteilt die Vorräte, vor allem wenn diese eine Lagerung erfordern. Dies ist die eigentliche Redistribution. Es 1st offensichtlich, daß die gesellschaftlichen Konsequenzen einer solchen Distributionsmethode weitreichend sein können, da nicht alle Gesellschaften so demokratisch sind wie die primitiven Jäger. Unabhängig davon, ob die Redistribution von einer einflußreichen Familie oder einer prominenten Persönlichkeit, einer herrschenden Aristokratie oder einer Gruppe von


Bürokraten durchgeführt wird, werden sie häufig versuchen, ihre politische Macht durch die Art und Weise, in der sie Güter verteilen, auszuweiten. Beim Potlatsch der Kwakiutl-Indianer setzt der Häuptling seine Ehre darein, seinen Reichtum an Häuten zur Schau zu stellen und diese dann zu verteilen. Er tut dies jedoch auch, um sich die Empfänger zu verpflichten, sie zu seinen Schuldnern und letzten Endes zu seinen Gefolgsmännern zu machen. Jede Großraumwirtschaft wurde mit Hilfe der Redistribution in Gang gehalten. Das Königreich Hammurabls In Babylonien und vor allem das ägyptische Neue Reich waren auf einer solchen Wirtschaftsform begründete zentralisierte Despotien des bürokratischen Typus. Die Haushaltsstruktur der patriarchalischen Familie wurde hier in einem ungeheuer vergrößerten Maßstab reproduziert, während die »kommunistische« Dlstribution durch höchst differenzierte Zutellungsmengen abgestuft wurde. Eine große Anzahl von Lagerhäusern stand bereit, um die Produkte' der Bauern, Viehzüchter, Jäger, Bäcker, Brauer, Töpfer, Weber aufzunehmen. Diese Produkte wurden genauestens erfaßt und, soweit sie nicht an Ort und Stelle verzehrt wurden, von kleineren Lagerhäusern in größere verlegt, bis sie an der Zentralverwaltung beim Hofe des Pharao anlangten. Es gab separate Schatzhäuser für Textilien, Kunstwerke, Schmuckgegenstände, Kosmetlka, Sllbergegenstände und königliche Garderobe, ferner gab es riesige Kornspeicher, Waffenkammern und Weinkeller. Die Redistribution m der von den Erbauern der Pyramiden praktizierten Größenordnung war jedoch keineswegs auf Volkswirtschaften beschränkt, die kein Geld kannten. Sämtliche archaischen Königreiche verwendeten Metallwährungen für die Bezahlung von Steuern und Gehältern, beglichen aber den Rest der Zahlungen mit Naturprodukten aus den verschiedensten Kornspeichern und Lagerhäusern, aus denen sie die verschiedensten Güter zur Benutzung und zum Verbrauch vor allem an den nichtproduktiven Teil der Bevölkerung verurteilen, also m erster Linie an Beamte, Krieger und dl? begüterte Schicht der Müßiggänger. Dieses System wurde im alten China ebenso praktiziert wie im Reich der Inkas, den Königreichen Indiens und auch in Babylonien. In diesen und anderen, durch enorme wirtschaftliche Leistungen gekennzeichneten Zivilisa


tionen wurde eine differenzierte Arbeitsteilung durch den Mechanismus der Redistribution In Gang gehalten. Dieses Prinzip bewährte sich unter feudalherrschaftlichen Bedingungen. In den ethnisch stratifizierten Gesellschaften Afrikas kommt es zuweilen vor, daß die herrschende Schicht von inmitten von Ackerbauern, die noch mit Grabstock und Hacke arbeiten, ansässigen Hirten gebildet wird. Die von den Hirten eingesammelten Gaben bestehen in erster Linie aus landwirtschaftlichen Produkten wie Getreide und Bier, während die von ihnen verteilten Gaben meist Tiere sind, vor allem Schafe oder Ziegen. In solchen Fällen besteht ebenfalls eine, wenn auch meist ungleiche, Arbeitsteilung zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten: die Distribution mag oft ein gewisses Maß an Ausbeutung verdecken, aber gleichzeitig nützt diese Symbiose dem Lebensstandard beider Schichten, was den Vorteilen einer besseren Arbeitsteilung zuzuschreiben 1st. Politisch gesehen befinden sich solche Gesellschaften unter Feudalherrschaft, unabhängig davon, ob Viehzucht oder Landwirtschaft dominiert. Es gibt »In Ostafrika regelrechte Rinderdomänen«. Thurnwald, dem wir uns in bezug auf die Redistribution anschließen, konnte somit feststellen, daß der Feudalismus überall auch ein System der Redistribution umfaßte. Ein solches System nimmt nur unter sehr weit fortgeschrittenen Bedingungen und außergewöhnlichen Umständen überwiegend politischen Charakter an, wie dies in Westeuropa der Fall war, wo sich die Veränderung aus dem Schutzbedürfnis der Vasallen entwickelte und die Gaben in Tribute an die Feudalherren umgewandelt wurden. Diese Beispiele zeigen, daß der Redistribution die Tendenz innewohnt, das eigentliche ökonomische System mit Sozialbeziehungen zu verknüpfen. Wir sehen, daß der Prozeß der Redistribution in der Regel einen Teil des vorherrschenden politischen Regimes bildet, ob es sich nun um einen Stamm, einen Stadtstaat, eine Despotie oder auf Vieh oder Boden gestütztes Feudalsystem handelt. Die Produktion und Distribution von Gütern wird hauptsächlich durch Einsammlung, Lagerung und Redistribution organisiert, wobei der Häuptling, der Tempel, der Despot oder der Lord im Mittelpunkt dieses Systems steht. Verhältnis zwischen den Führenden und den Geführten, je nach der Grundlage der jeweiligen politischen Macht,


verschieden ist, wird auch das Prinzip der Redistribution so völlig verschiedene individuelle Motivationen berücksichtigen wie die freiwillige Aufteilung der Beute durch die Jäger bis zur Angst vor Strafe, die den Fellachen zur Ablieferung einer Art Steuern, der Naturalabgaben, veranlaßt. Wir haben in dieser Darstellung bewußt die wichtige UnterScheidung zwischen homogenen und stratifizierten Gesellschaften beiseite gelassen, das heißt zwischen Gesellschaften, die eine soziale Einheit darstellen, und solchen, die in Herrscher und Beherrschte aufgespalten sind. Auch wenn Weiten zwischen dem relativen Status von Sklaven und Herren einerseits, und dem von freien und gleichberechtigten Mitgliedern mancher Jägerstämme andererseits liegen, und die Motivationen innerhalb dieser beiden Gruppen daher sehr unterschiedlich sind, so kann die Organisation ihres jeweiligen Wirtschaftssystems durchaus auf denselben Prinzipien beruhen, wenn auch die kulturellen Eigenheiten je nach den jeweiligen zwischenmenschlichen Beziehungen, mit denen das Wirtschaftssystem verflochten ist, unterschiedlich sind. Das dritte Prinzip, das In der Geschichte eine große Rolle spielen sollte und das wir als das Prinzip der Haushaltung bezeichnen wollen, besteht in der Produktion für den Elgenbedarf. Die alten Griechen nannten das oekonomia - Haushaltung-, und davon stammt das Wort »Ökonomie«. Auf Grund der vorhandenen ethnographischen Zeugnisse können wir nicht annehmen, daß die Produktion für den Eigenbedarf einer Person oder Personengruppe älter 1st als Reziprozität oder Redistribution. Im Gegenteil, sowohl die traditionelle, orthodoxe Auffassung als auch einige neuere Theorien über dieses Thema sind eindeutig widerlegt worden. Den vereinzelten Wilden, der nur für sich selbst oder für seine Familie Nahrung sammelte und auf die Jagd ging, hat es nie gegeben. Die Gewohnheit, sich um die Bedürfnisse des eigenen Haushalts zu kümmern, wird vielmehr erst auf einem weiter fortgeschrittenen Niveau der Landwirtschaft zu einem Merkmal des Wirtschaftslebens; aber selbst dann hat sie weder mit dem Gewinnstreben noch mit der Institution der Märkte etwas gemein. Das Modell liefert hier die in sich geschlossene Gruppe. Ob es sich bei diesen autarken Gruppierungen um so völlig verschiedenartige Einheiten wie Familie, Ansiedlung oder Rittergut handelte, das Grundprinzip

blieb stets dasselbe,nämlich Produktion und Lagerung zur Befriedigung der Bedürfnisse der Mitglieder der Gruppe. Die Anwendungsmöglichkeit dieses Prinzips ist ebenso groß wie im Falle der Reziprozität und der Redistribution. Wie der institutlonelle Kern beschaffen ist, ist unerheblich: es kann das Geschlecht sein, wie im Falle der patriarchalischen Familie; die Örtlichkeit, wie im Falle der dörflichen Ansiedlung oder politische Macht, wie im Falle des Gutsherrensitzes. Auch die innere Organisation der Gruppe spielt keine Rolle. Sie kann so despotisch sein wie die römische familia oder so demokratisch wie die südslawische zadruga; so umfangreich wie die großen Dämonen der karolingischen Magnaten oder so klein wie der durchschnittliche Kleinbauernhof in Westeuropa. Der Bedarf nach Handel oder Märkten 1st nicht größer als im Falle von Reziprozität oder Redistribution. Dies 1st der Zustand, wie ihn Aristoteles vor mehr als zweitausend Jahren als Norm zu setzen versuchte. Von einem rapide schwindenden Niveau einer weltweiten Marktwirtschaft zurückblickend, müssen wir zugeben, daß seine berühmte UnterScheidung zwischen eigentlicher Haushaltsführung und Gelderwerb Im Einführungskapitel seiner Politik vielleicht der prophetischste Hinweis war, der jemals Im Bereich der SozialWissenschaften gegeben wurde; er stellt jedenfalls Immer noch die beste, uns zur Verfügung stehende Analyse des Problems dar. Aristoteles beharrt darauf, daß der Sinn des eigentlichen Haushalts die Produktion für den Gebrauch und nicht die Produktion für den Gewinn ist, aber eine zusätzliche Produktion für den Markt, meinte er, müsse die Autarkie des Haushalts nicht gefährden, sofern die zum Verkauf bestimmten Produkte ohnehin zu Ernährungszwecken auf dem Gut erzeugt würden, wie Getreide oder Vieh; der Verkauf von Überschüssen müsse daher die Grundlage des Haushalts nicht zerstören. Nur ein Genie der praktischen Vernunft konnte, wie er, erkannt haben, daß das Gewinnstreben ein für die Marktproduktion charakteristisches Motiv ist und daß der Geldfaktor ein neues Element einführte; daß aber das Prinzip der Produktion für den Gebrauch weiterhin funktionieren würde, solange Märkte und Geld bloß Anhängsel eines ansonsten autarken Haushalts blieben. Damit hatte er zweifellos recht, obzwar er dabei allerdings übersah, daß man die Existenz von Märkten nicht Ignorieren

konnte in einer Zeit, in der die griechische Wirtschaft bereits von Großhandel und Kreditkapital abhängig geworden war. Es war dies das Jahrhundert, in dem Delos und Rhodos bereits zu Umschlagplätzen für Frachtversicherung, Schifffahrtskredite und Girotransaktionen geworden waren; im Vergleich dazu wirkte Westeuropa tausend Jahre später geradezu primitiv. Der Rektor von Balliol, Jowett, war somit sehr im Irrtum, wenn er es für selbstverständlich erachtete, daß man Im viktorianischen England den entscheidenden Unterschied zwischen Haushaltsführung und Gelderwerb besser verstand als Aristoteles. Er verteidigte Aristoteles, indem er ihm zugestand, daß »die den Menschen betreffenden Wissensgebiete Ineinanderfließen und zur Zeit des Aristoteles nicht genau unterschieden wurden«. Es stimmt, daß Aristoteles die Bedeutung der Arbeisteilung und ihrer Zusammenhänge mit Märkten und Geld sowie die Verwendung von Geld als Kredit und Kapital nicht klar erkannte. Soweit war Jowetts Kritik gerechtfertigt. Indessen war es der Rektor von Balliol, und nicht Aristoteles, der die menschlichen Aspekte des Gelderwerbs nicht beachtete. Er übersah, daß die Unterscheidung zwischen dem Prinzip des Verbrauchs und jenem des Gewinns den Schlüssel zu jener völlig verschiedenen Zivilisation darstellte, deren Umrisse Aristoteles genau vorhergesagt hatte, und zwar zweitausend Jahre, ehe sie aus den damals geringfügigen Ansätzen einer Marktwirtschaft hervorwuchs, während Jowett, der sie in voll ausgebildetem Zustand vor sich hatte, Ihre Existenz übersah. In der Verurteilung des Prinzips der Produktion zu Gewinnzwecken »als der Natur des Menschen nicht gemäß«, und daher unbegrenzt und schrankenlos, traf Aristoteles genau den entscheidenden Punkt, nämllch die Trennung einer separaten wirtschaftlichen Zielsetzung von den gesellschaftlichen Beziehungen, denen solche Grenzen und Schranken eigen waren. Im weiteren Sinn gilt jedoch die These, daß alle uns bekannten Wirtschaftssysteme bis zum Ende des Feudalismus in Westeuropa auf den Prinzipien der Reziprozität oder Redistribution oder aber der Haushaltung beziehungsweise einer Kombination dieser drei beruhte. Diese Prinzipien waren mit Hilfe gesellschaftlicher Organisationen institutionalisiert, die sich unter alia auch die Formen der Symmetrie, der Zentrizität und der Autarkie zunutze machten. In diesem Rahmen wurd e die


geordnete Produktion und Distribution von Gütern durch eine Vielfalt von individuellen Motivationen gesichert, die ihrerseits durch allgemeine Verhaltensnormen in Schranken gehalten wurden. Bei diesen Motivationen spielte das Gewinnstreben keine hervorragende Rolle. Brauch und Gesetz, Magie und Religion wirkten zusammen, um den einzelnen zu Verhaltensformen zu veranlassen, die letztlich seine Funktion innerhalb des Wirtschaftssystems sicherten. Die griechisch-römische Periode stellte trotz Ihres hochentwickelten Handels in dieser Hinsicht keinen Bruch dar. Sie war durch das enorme Ausmaß der von der römischen Verwaltung im Rahmen einer Haushaltswirtschaft durchgeführten Redistribution von Getreide charakterisiert und bildete auch keine Ausnahme von der Regel, wonach Märkte bis zum Ende des Mittelalters keine wichtige Rolle Im ökonomischen System spielten, da andere Institutionen vorherrschten. Ab dem 16. Jahrhundert waren Märkte sowohl zahlreich als auch wichtig. Im merkantilistischen System wurden sie praktisch ein Hauptanliegen der Regierungstätigkeit, dennoch gab es Immer noch kein Anzeichen der künftigen Herrschaft der Märkte über die Gesellschaft. Im Gegenteil, Regelung war strikter als je zuvor, und die Vorstellung eines selbstregulierenden Marktes fehlte völlig. Um den Übergang zu einem völlig neuen Wirtschaftssystem Im 19. Jahrhundert verstehen zu können, müssen wir uns der Geschichte des Marktes zuwenden, einer Einrichtung, die wir in unserem Überblick über die Wirtschaftssysteme der Vergangenheit unberücksichtigt lassen konnten.




Anzahl:

  • Artikelnummer: 520066
  • Gewicht: 0.2kg


Dieser Artikel wurde am Mittwoch, 10. Juli 2019 im Shop aufgenommen.

Copyright © 2019 Oberacker Natur & Technik. Powered by Zen Cart