Frederic Vester: Abenteuer Kerntechnik


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Kapitel 8 KomplexitĂ€t erkennen (S. 124-133: aus „Die Kunst, vernetzt zu denken: Ideen und Werkzeuge fĂŒr einen neuen Umgang mit KomplexitĂ€t. Ein Bericht an den Club of Rome“, Taschenbuch, 384 S., Mai 2002, 6. Auflage 2007)

VordergrĂŒndige Lösungen sind bestechend. Man ist begeistert eine Lösung gefunden zu haben ein Problem beseitigen zu können, und man schirmt sich um diese Lösung nicht zu gefĂ€hrden, gegenĂŒber Hinweisen auf die reale KomplexitĂ€t ab, obwohl man die ZusammenhĂ€nge mit dem ĂŒbrigen System erkennen (und natĂŒrlich auch nutzen) könnte, wenn man wollte. Denn schon in einem einfachen Simulationsmodell wĂŒrde man rasch feststellen, dass man ein Problem nicht unbedingt da anpacken muss, wo es auftritt, sondern dass es oft viel mehr bringt, die ohnehin vorhandenen SystemzusammenhĂ€nge spielen zu lassen, also kybernetisch vorzugehen.
Besonders einige neue, durch die Bevölkerungsexplosion entstandene Probleme der Menschheit wie der ĂŒberdimensionierte Energiedurchsatz, der intensivierte Nahrungsanbau und die drohende Ressourcenknappheit, aber auch die HĂ€ufung von die Volksgesundheit belastenden „Systemerkrankungen“ (wie Krebs, Aids, Allergien, KreislaufschĂ€den) sind hochkomplex und aufgrund ihrer unerkannten Verflechtungen mit einem unvernetzten Denken nicht in den Griff zu bekommen. Ich möchte hier beispielhaft drei Gebiete streifen, die sich völlig anders darstellen, je nachdem ob man sie „linear“ oder „vernetzt“ betrachtet: das Abenteuer mit der Kernenergie, die Aussichten der Genomforschung und die Versuche, mit Genfood den Hunger in der Welt zu besiegen.

Abenteuer Kerntechnik

Als ich 1978 - 8 Jahre vor Tschernobyl - bei der Eröffnung meiner Wanderausstellung „Unsere Welt - ein vernetztes System“ in einem 12-seitigen Energie-Bilderbuch mit dem Titel „Das (faule) Ei des Kolumbus“ den vernetzten Zusammenhang der Kernenergie mit den ĂŒbrigen Lebensbereichen unserer Zivilisation aufzeichnete (siehe Grafik) und - auf Grund der komplexen ZusammenhĂ€nge - die Möglichkeit eines GAU (grĂ¶ĂŸten anzunehmenden Unfalls) als sehr viel wahrscheinlicher als nur „einmal in 10 Millionen Jahren“ einschĂ€tzte, erhob sich ein Sturm der EntrĂŒstung im Lager der Kernenergielobby und den ihr hörigen Ministerien. Er gipfelte in einer doppelt so langen SchmĂ€hschrift der „Gesellschaft fĂŒr Reaktorsicherheit“ mit dem Titel „Das faule Ei des Dr. Vester“, die in 10.000 Exemplaren verteilt wurde. Inzwischen sind einschließlich des damals noch unmöglich eingestuften GAU hinaus die meisten Entwicklungen so eingetroffen, wie ich sie dargestellt hatte.
Dass man sich angesichts jener so „idealen“ Energielösung gegen störende EinwĂ€nde wie das exponentiell ansteigende AtommĂŒllproblem ebenso abschirmte wie nach Tschernobyl gegen die tiefgreifende Wirkung inkorperierter Strahlung (die eben keineswegs mit der Wirkung etwa der normalen Höhenstrahlung vergleichbar ist), war Ausdruck eines „Fundamentalismus“, der keinen wissenschaftlichen Argumenten mehr zugĂ€nglich ist. Aufgrund meiner ForschungstĂ€tigkeit in der Atomstadt Oak Ridge in den 50er Jahren und spĂ€ter als jahrelanger Gastdozent am Kernforschungszentrum Karlsruhe, wo ich die radiobiochemischen Kurse mit aufbaute, waren mir diese Dinge natĂŒrlich vertraut. Das Ausplaudern dieser störenden „Nebenwirkungen“ wurde mir sehr ĂŒbel genommen, und ich war in dieser Zeit den wildesten öffentlichen Diffamierungen ausgesetzt. Da die direkten und indirekten Vernetzungen der Kernenergie auch heute noch nicht Allgemeingut sind, seien sie hier noch einmal in zehn Punkten kurz zusammengefasst.

1. Die Verkennung der KomplexitĂ€t des AtommĂŒllproblems
In der ersten Begeisterung ĂŒber die friedliche Anwendung der Kernspaltung in den 60er Jahren war von radioaktiven AbfĂ€llen nie die Rede. Und wenn, dann hieß es, sie seien minimal, da der jĂ€hrliche Brennstoff fĂŒr einen Kernreaktor in einen kleinen Handkoffer ginge. Schon 1968 wies ich in meinem Buch „Bausteine der Zukunft“ und zwei Jahre darauf in der Studie „Das Überlebensprogramm“ auf diese doppelte SelbsttĂ€uschung hin: erstens, dass man radiaktive AbfĂ€lle nie „beseitigen“ kann, da sie - ganz gleich in welche Form sie chemisch umgewandelt werden - ihre an die Atome gebundene Strahlung nie verlieren. Weiterhin, dass auch die Menge - zunĂ€chst zwar lĂ€cherlich gering gegenĂŒber dem Brennstoff eines Kohlekraftwerkes - dennoch exponentiell ansteigen wĂŒrde. Ein Problem, mit dem die Menschheit nun auf alle Zeiten konfrontiert ist (in Rußland ist die radiaktive Verseuchung inzwischen nicht mehr beherrschbar und sowohl die Wiederaufbereitungszentren La Hague wie auch Sellafield sind zu permanenten „Lieferanten“ verseuchter AbwĂ€sser an die Umwelt geworden).

2. RĂŒckwirkung auf die Gesetzeslage
Die Genehmigung zum Betrieb eines Kernkraftwerks war - und ist - immer noch gebunden an den Nachweis der endgĂŒltigen Beseitigung der radioaktiven AbfĂ€lle. Sie wird jedoch aus den oben erwĂ€hnten naturgesetzlichen GrĂŒnden nie möglich sein. Also musste man, um das Gesetz zu umgehen, so tun, als ob dies dennoch eines Tages möglich sei. Deshalb gab es im Hinblick auf die laufenden (in Wirklichkeit nutzlosen) BemĂŒhungen in dieser Richtung vorlĂ€ufige Genehmigungen, damit das GeschĂ€ft weiterlaufen konnte. Eigentlich besitzt somit kein einziges Kernkraftwerk in der Welt eine rechtlich zulĂ€ssige Betriebsgenehmigung. Diesen Umstand umgeht man, indem immer weiter an der Endlagerung bzw.der Umwandlung der AbfĂ€lle gearbeitet wird. Dazu ĂŒberbrĂŒckt man mit Zwischenlagern und stellt die Wiederaufbereitung mit ihrem Plutoniumproblem fĂ€lschlicherweise als Beseitigung hin.

3. Irritation der Versicherung
Einen weiteren Punkt, der diese Ungesetzlichkeit noch unterstreicht, bietet die Versicherungssituation. So haben die großen Versicherer und RĂŒckversicherer zwar die SchĂ€den eines Unfalls fĂŒr die Kraftwerke selbst gedeckt, aber nicht im Mindesten die FolgeschĂ€den einer Katastrophe wie in Tschernobyl auf die dadurch radioaktiv verseuchten Gebiete. Vor Tschernobyl konnte man sich auf die Unwahrscheinlichkeit eines GAU herausreden und eine große Anzahl geringer Deckungskosten (HĂ€ufigkeit kleiner Pannen) gegen die einmaligen, aber extrem hohen Kosten eines einzelnen (dafĂŒr aber höchst unwahrscheinlichen) GAU gegeneinander abwĂ€gen. Das ist nun vorbei. Da die Versicherungen jedoch nach wie vor fĂŒr einen GAU nicht geradestehen, dĂŒrfte im Grunde kein einziges Kernkraftwerk mehr in Betrieb sein. Doch nach wie vor wird dies verdrĂ€ngt. In Frankreich ist erst im jahr 2001, also 15 Jahre nach Tschernobyl, ein Klage von Strahlenopfern in Gang gekommen, die sich erstmals erfolgreich gegenĂŒber der seinerzeit offiziellen „AufklĂ€rung“ zur Wehr setzen, dass nĂ€mlich - durch gefĂ€lschte Wetterberichte gestĂŒtzt - die radioaktive Wolke an den Grenzen der Grand Nation Halt machte.

4. Ein Ausweg aus dem CO2 Dilemma?
Nachdem sowohl die USA als auch andere LĂ€nder wie Österreich und Schweden keine neuen Genehmigungen fĂŒr Kernkraftwerke mehr erteilen - zum Leidwesen der Kraftwerksbauer - und Deutschland den Ausstieg beschlossen hat, wird als letzter Strohhalm ein erhöhter Einsatz der Kernkraft als (unverzichtbare) Lösung des Treibhausproblems in die Debatte geworfen. Auch hier wird wieder einmal unvernetzt gedacht und die KomplexitĂ€t des Problems nicht erkannt. Dazu nur zwei Punkte: Beim Gesamtprozess der Atomstromerzeugung entsteht angefangen von den Uran- Tailing bis zur Zementherstellung fĂŒr die SicherheitsbehĂ€lter des Reaktors - auf die Kilowattstunde umgelegt - mindesten soviel CO2 wie bei modernen gasbetriebenen Blockheizkraftwerken, abgesehen davon, dass das frei werdende Krypton 85 selber ein hochwirksames Treibhausgas ist. Zweitens sollte man sich klarmachen, dass die derzeit rund 434 Atomreaktoren auf der Welt nur 5% der Energie liefern. Wenn Atomkraftwerke auch nur die HĂ€lfte unseres Energiebedarfs decken sollten, mĂŒĂŸte man bereits ĂŒber 4000 (!) weitere errichten. Wo sollen die gebaut werden? Wer soll sie bezahlen? Wohin dann mit dem exponentiel ansteigenden AtommĂŒll? Von dem multiplizierten Risiko - auch was Sabotageakte betrifft - gar nicht zu reden. Schade, es wĂ€re halt doch zu schön, eine so lukrative Quelle wie die „saubere“ Kernenergie fĂŒr eine zukĂŒnftige Energieversorgung ohne Treibhauseffekt zur Hand zu haben.

5. Der nie eintretende GAU
Eine Ă€hnliche Einengung komplexer Sachverhalte zeigt sich in dem jahrelang als extrem unwahrscheinlich eingestuften Eintreten eines GAU. Schon die Pannen in Harrisburg 1979 hĂ€tten zeigen können, welche Gefahr besteht, wenn bei den Berechnungen von StörfĂ€llen der Betrieb eines Kraftwerkes als geschlossenes System betrachtet wird. Wie alle realen Systeme ist aber auch dieses trotz aller redundanten Absicherungen nach außen immer offen. Und das heißt, dass ein solches System fehlerfreundlich sein muss. Es darf also nicht darauf angelegt sein, dass alles funktioniert, sondern es muss auch gegenĂŒber unerwarteten Fehlern und AusfĂ€llen robust sein, etwa gegenĂŒber der Bedienungsmannschaft, gegenĂŒber Computerstörungen, falschen EinschĂ€tzungen, Reparatureingriffen (wie in Tschernobyl) und anderen Einwirkungen von außen - von Erdbeben, FlugzeugabstĂŒrzen und TerroranschlĂ€gen ganz zu schweigen. In der AbwĂ€gung zwischen der Seltenheit eines Vorfalls und der enormen GrĂ¶ĂŸe des dann zu erwartenden Schadens wird jede Versicherung sich weigern hier die Haftplicht zu ĂŒbernehmen (was auch tatsĂ€chlich der Fall ist).

6. Die Besonderheit inkorporierter Strahlung
Eine weitere falsche Beurteilung entlang linearer Denkpfade betrifft die Strahlengefahr selbst. So spukt immer noch die Meinung in manchen Köpfen, dass der Fallout aus Wiederaufarbeitungsanlagen oder seinerzeit nach Tschernobyl fĂŒr die Bevölkerung vernachlĂ€ssigbar sei, da die empfangenen Becquerel etwa dem entsprĂ€chen, was wir beim Besteigen eines Berges oder bei einem Transatlantikflug an Höhenstrahlung mitbekĂ€men. Selbst die Reaktorsicherheitskommission - offenbar um jeden Preis um Beschwichtigung bemĂŒht - verbreitete diesen gefĂ€hrlichen Unsinn, was mich skeptisch gegenĂŒber deren ObjektivitĂ€t machte. In Wirklichkeit existiert hier ein fundamentaler Unterschied. In einem Artikel der „SĂŒddeutschen Zeitung“ schrieb ich wenige Tage nach Tschernobyl dazu (und belegte dies mit einer Reihe von Tabellen): „Strahlende Materie aus einem Reaktorunfall ohne Ausnahme prinzipiell vom Organismus aufgenommen werden, wobei die Strahlenquelle selber im Körper sitzt und dort weiterstrahlt, auch wenn sie von außen nicht mehr messbar ist. Die Strahlung wirkt zudem noch konzentriert auf das umliegende Gewebe (und die darin enthaltene DNA), dessen Reparaturvermögen dafĂŒr nicht mehr ausreichen mag. Die Anreicherung ĂŒber die Nahrungskette kann im Laufe der Zeit ein Mehrtausend- bis Millionenfaches gegenĂŒber der Umwelt betragen“. (Der Artikel wurde wegen der ansonsten sehr mangelhaften Informationspolitik hundertfach nachgedruckt und schließlich in meinem Taschenbuch „Die Bilanz einer Verwirrung“ detailliert behandelt.) Wie erschreckend allein diese Bilanz in Russland ist - nicht nur durch Tschernobyl, auch durch die zunehmende Verseuchung des normalen Betriebs und die unverantwortliche Deponie des zum Teil aus dem Ausland gegen Barzahlung angelieferten StrahlenmĂŒlls - wurde in der Presse und in Fernsehberichten inzwischen genĂŒgend dargestellt.

7. Kanalisierung der Energieversorgung
Ein Nebeneffekt der ignorierten KomplexitĂ€t ist die einseitige Förderung dieser fĂŒr den Laien faszinierenden Energiequelle (im Grunde ist es „low tech“, da wie in einer Dampfmaschine lediglich durch die - allerdings unnötig hohe - Erhitzung von Wasser eine Turbine und ein Stromgenerator angetrieben werden). Durch die ĂŒber Jahrzehnte fast ausschließliche Kanalisierung der fĂŒr die Entwicklung der Energieversorgung zur VerfĂŒgung stehenden öffentlichen Mittel in die Kernenergie liegt der einzig zukunftstrĂ€chtige Ausbau regenerativer Energien, in deren Entwicklung bis zum Jahr 2000 nur etwa 1 Prozent dieser Gelder flossen, immer noch völlig im Argen. Selbst im sonnigen SĂŒdfrankreich, wo ich die VerhĂ€ltnisse persönlich kenne, herrscht eine völlige Ignoranz darĂŒber, welche Möglichkeiten gerade hier die Solarenergie bietet. Die Meinung, dass das alles nicht funktioniert, sehr teuer und anfĂ€llig sei, sich nie armortisiert und im Winter sowieso nichts bringt, wird von den herrschenden Energiekonzernen wie EDF und FRAMATOM und Ihren Experten eifrig aufrecht erhalten. Hier spielt nicht zuletzt die Tatsache eine Rolle, dass Frankreich - das anders als Deutschland laut Atomvertrag auch Atomwaffen herstellt - alles, was mit Atomenergie zu tun hat, als streng geheim deklarieren konnte und somit der Staat und der ihm gehörende Konzern EDF ungestört durch öffentliche Diskussion und Einmischung alles Unangenehme vertuschen und die Weichen nach belieben stellen konnten. Wenn man dazu noch bedenkt, dass ĂŒber Jahrzehnte hinweg enorme Summen in den zukunftslosen Schnellen BrĂŒter (den erst 1995 aufgegebenen Superphenix) gesteckt wurden, und immer noch weitere Mittel in die ebenso zukunftslose - scheinbar saubere - Fusionsenergie fließen, fragt man sich, wie die dafĂŒr verantwortlichen wissenschaftlichen Berater mit ihrem Gewissen fertig werden.

8. Das heiße Ei des Kolumbus
Dass angesichts der allmĂ€hlich auch der Kernenergielobby dĂ€mmernden Nachteile der Kernenergie - insbesondere der aussichtslosen Entsorgung - zunĂ€chst die Flucht in den „schnellen BrĂŒter“ (der das Abfallproblem lösen sollte) und in die „saubere“ Fusionsenergie (das „heiße Ei des Kolumbus“) erfolgte, ist typisch fĂŒr den dritten unserer weiter vorne erlĂ€uterten sechs Fehler: die irreversible Schwerpunktbildung. Waren doch diese „Alternativen“ wieder sĂ€mtlich auf der Atomforschung aufgebaut - das Atom durfte als Ideallösung nicht verlassen werden -, so dass wiederum Milliarden statt in wirkliche Alternativen, wie etwa regenerative Energien, erneut in letztlich aussichtslose Projekte mit neuen Nachteilen gesteckt wurden.
In der Tat hat es bei der Fusionsforschung genauso angefangen wie bei den Spaltreaktoren. Auch hier wurde einfach ignoriert, dass dabei im Endeffekt ein gewaltiger Berg an AtommĂŒll enstehen wird. Aber bis heute sieht man - ohne ĂŒber die Nasenspitze hinaus zu blicken - nur die Fusionsreaktion selber, wo in der Tat anders als bei der Spaltreaktion beim Prozess selbst keine radioaktiven AbfĂ€lle entstehen. Dass man die Energie der erzeugten Neutronen aber nur nutzbar machen kann, wenn man diese mit entsprechendem Targetmaterial einfĂ€ngt (das dadurch noch weit mehr radioaktiven Abfall ergibt als bei der Spaltreaktion), soweit zu denken wird geflissentlich vermieden. HĂ€tte man dies die Geldgeber wissen lassen, wĂ€ren wohl auch niemals die enormen Summen fĂŒr die lĂ€ngst unsinnig gewordene Entwicklung der Fusionsenergie locker gemacht worden. Dabei hat der Teilchenphysiker Jochen Benecke vom MĂŒnchner Max Planck Institut fĂŒr Physik schon 1980 außer in der Fachliteratur auch in „Bild der Wissenschaft“ genau diesen Punkt in der Titelgeschichte des Oktoberheftes klar herausgestellt. Ein sofortiger Stopp der Forschungsmittel hĂ€tte eigentlich die Folge sein mĂŒssen.

9. Die Vernetzung mit der Gesamtwirtschaft
Ganz abgesehen von den Neben- und Wechselwirkungen der Kernenergie-Entwicklung wĂŒrden sich fĂŒr das davon berĂŒhrte Gesamtsystem unserer Zivilisation außer den geschilderten Folgen, ökonomische Auswirkungen und RĂŒckwirkungen ergeben, die nicht gerade im Sinne einer zukunftsorientierten Wirtschaft lĂ€gen. Denn was wĂ€re damit gewonnen, wenn uns tatsĂ€chlich einmal eine sichere kĂŒnstliche Energiequelle unbegrenzt zur VerfĂŒgung stĂŒnde? Wie wĂŒrde die Ökonomie laufen, wie unser Ressourcenmanagement? WĂ€re der Hunger in der Welt beseitigt, der Treibhauseffekt gebannt?
ZunĂ€chst einmal wĂŒrde ja etwas mit dem Strom gemacht werden mĂŒssen (dass man mit Kernenergie nur Strom machen kann, wird oft vergessen). Man kann aber Strom nicht in die Tasche stecken oder auf die Bank legen. Also wĂŒrde eine ĂŒberdimensionierte Produktion einsetzen und daran anknĂŒpfend ein ebenso ĂŒberbordender Konsum angekurbelt werden. Ein materieller Konsum auf der Basis von zu Ende gehenden Ressourcen! Die Grenzen des Wachstums wĂ€ren weit schneller erreicht als es die Studie des Club of Rome seinerzeit simuliert hatte. Das globale Gleichgewicht wĂŒrde noch schneller gestört und unser Planet noch schneller ausgebeutet werden.

10. Der klassische Reinfall der Potentaten
Das Herauskitzeln staatlicher Fördermittel fĂŒr unvernĂŒnftige, aber spektakulĂ€re Forschungszweige, wie es beispielsweise der Lobby einer von vornherein so aussichtslosen Technologie wie der Fusionsenergie gelungen ist, erinnert mich in verblĂŒffendem Maße an die „GeschĂ€ftspolitik“ einiger mittelalterlicher Alchemisten, die mit Riesenversprechungen und unter Hinweis auf einen immer kurz bevorstehenden Durchbruch in der kĂŒnstlichen Herstellung von Gold aus unedlen Metallen den hoch verschuldeten FĂŒrsten immer neue Mittel abknöpften.
Über die Aussichten der Fusionsforschung sagte mir ĂŒbrigens schon in den 50er Jahren mein Mentor und Freund Henry Margenau, damals renomierter theoretischer Physiker an der Yale UniversitĂ€t (der meine Forschungen ĂŒber die Entstehung der biologischen Rechts-links-Asymetrie auf der Basis des asymmetrischen Beta-Zerfalls unterstĂŒtzte), dass ich mich nicht wundern soll, wenn die Nutzung der Fusionsenergie auch noch nach 50 Jahren immer „kurz vor dem Durchbruch“ stĂŒnde. Es können nĂ€mlich gar nicht funktionieren. Er war es, der mich damals auf die Parallele mit den (falschen) Alchemisten hinwies (die wahren Alchemisten beschĂ€ftigten sich mit der Wandlung von Stoffen, um sich selbst zu erkennen und nicht um Geld zu scheffeln), und meinte, genauso wĂŒrden sich die Fusionsforscher wohl noch lange immer großartigere Institute und kostspieligere Anlagen finanzieren lassen und dafĂŒr den Regierungen das Blaue vom Himmel versprechen. Ein Mechanismus, dem wir in der folgenden Diskussion zur Genomforschung erneut begegnen werden. Damit kommen wir zum zweiten Beispiel nicht erkannter KomplexitĂ€t.

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  • Modelo: 520072,1
  • Fabricado por: Frederic Vester


Este producto fue introducido en nuestro catálogo el Wednesday 31 March, 2021.

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